Antje Babendererde

Schreiben braucht Raum, Ruhe und Intensität. Deshalb habe ich mir in einem kleinen Dorf meinen Raum geschaffen, in dem Schreiben fruchtbar sein kann. Um Ruhe und Intensität zu finden, brauche ich eine Ordnung für meine berufliche und private Interaktion mit der Welt, Unwägbarkeiten eingerechnet. Diese Ordnung in Form von Plänen, gab es auch für das Jahr 2020. Dann kam Covid-19 und machte sämtliche Pläne zunichte. Auf einmal war alles eine einzige große Unwägbarkeit.
Die Natur rächt sich, dachte ich. Der Wahnsinn, dem die Menschheit verfallen ist, wird endlich unterbrochen. Diese Welt, die auf Konsum, Produktion, Mobilität und dem Hype um soziale Medien basiert, wird angehalten. Wir werden in Hausarrest gesteckt und sind gezwungen, uns in Geduld und Bescheidenheit zu üben. Das kann nicht nur schlecht sein, dachte ich.
Ich bin seit 25 Jahren im Homeoffice und nicht erst seit Covid-19. Meine Romane erzählen von der Lebenswelt junger Menschen, und Lesungen vor Schülern bedeuten Interaktion mit meiner Zielgruppe. Die ist auf einmal für mich nicht mehr verfügbar. Und ich bin es nicht für sie. Dafür gibt es Zeit im Überfluss. Unbehelligt den neuen Roman beenden, auch das ist für mich Corona. Aber meinen Lebensunterhalt verdiene ich durch Lesungen, Buchverkäufe und Vorschüsse auf neue Romane. Der Schauplatz meines neuen Romans: für Recherchen leider nicht verfügbar. Von Natur aus bin ich kein ängstlicher Mensch, doch auch ich fürchte um die alten Eltern, um die berufliche Existenz. Das Leben, wie ich es kannte, ist nicht mehr verfügbar und wird es vielleicht nie wieder sein. Mit dieser Furcht einher geht ein Gefühl von Machtlosigkeit, und Machtlosigkeit lähmt. Angesichts derer, die ums Überleben kämpfen, und jener, die doppelt arbeiten oder die Situation furchtbar beengt ertragen müssen, komme ich mir lächerlich vor mit meinen ausgedachten Worten auf dem Papier.
Und trotzdem schreibe ich. Gegen meine Furcht und in der Hoffnung, dass meine Geschichten anderen durch die Zeit der Unwägbarkeiten helfen.